Ronald M. Schernikau
LEGENDE

Gebunden, 848 Seiten
ISBN 3-932434-09-9
35,00 EUR(D)
eine geschichte | wenn ihr das gerne hören wollt, kann ich euch auch eine persönliche geschichte erzählen. eines tages entdeckte thomas an meinem hals einen knoten, der dort nicht hin gehörte, den man auch beim sprechen kaum sah und den man aber dann doch deutlich erfühlen konnte. dann bin ich zu meiner innenärztin gegangen und die innenärztin hat mich überwiesen an ein krankenhaus und in dem krankenhaus haben sie alle an mir rumgetastet und mich von einem arzt zum andern geschickt, es war kein lymphknoten es war kein nichts, es war gar nichts, es war ein knoten der da nicht hin gehörte. so wurde ich in dieses krankenhaus eingewiesen und mir wurde dieser knoten entfernt. und da gab es eine spanne von zehn tagen, nämlich von der operation bis zum histologischen befund, und unmittelbar nach der operation ist mir klargeworden, wo ich mich befinde, was passiert: es wurde nachgekuckt, ob ich krebs habe. was mache ich in diesen zehn tagen? natürlich will ich keinen krebs haben. und natürlich kann ich mir vorstellen, daß jemand in so einer situation schreit, weint, unterm bett liegt, aus dem fenster springt, sich die haare rauft oder traurige gedichte liest. und ich habe mir gesagt: ich kann diese zehn tage nichts tun. alles was ich tun werde, wird nichts an diesem befund ändern. und so hatte ich keine angst. | 8 |

beschwerde | mein bauch tut weh. eigentlich ist es mehr oben, beim atmen auch, die lunge vielleicht. schon einatmen fällt mir schwer, bestimmt die luftröhre, vom schlucken zu schweigen die speiseröhre, alles in mir ist rot und entzündet, was mache ich bloß. ich fürchte, eines tages werde ich tot sein.
| 9 | der gedanke an den eigenen tod macht auch sofort gehässig. der da so ruhig über die straße geht, warum lebt der noch und ich bald nicht mehr?
| 10 | dagegen hilft nur hingehn. hingehn und sagen: ich wünsche ihnen einen guten tag, bald werde ich sterben, und sie? bestimmt machen sie viele intressante dinge, die sie mir in der eile gar nicht alle erzählen können. das beruhigt mich. ich danke ihnen. auf wiedersehen.
| 11 | mehr noch, wir schlagen dem kranken die folgende ansprache vor: hast du dich gegen den krieg empört? hast du dich gegen den hunger empört? hast du dich gegen das unrecht empört? wenn du es nicht getan hast, hast du kein recht, dich gegen meinen tod zu empören. wenn du es getan hast, hast du keinen grund dazu. ich möchte dein freund sein.
| 12 | allerdings gilt dieses vorgehen als unhöflich. belästigen sie mich nicht, wird der andere sagen und mit den händen anfangen zu fuchteln wie man eine fliege abwehrt. sollten sie mich weiterhin über sie unterrichten, werde ich auf der stelle unter der last der welt zusammenbrechen. also aus! weg! kusch! brav.
| 13 | dann gehen wir weiter. | 14 |

die zeit | die zeit, in der wir leben, ist ja so vollkommen blöde, daß ich immer denke: darauf kann ja keiner reinfallen. aber ich bin ausschließlich mit leuten zusammen, die darauf reinfallen.
| 15 | wir müssen versuchen, auf eine dummheit nicht mit einer dummheit zu antworten. das ist das allerschwerste.
| 16 | A.F.SCHISCHKIN: der sowjetische mensch strebt danach, daß er einen guten ruf hinterläßt und daß man ihn als ein würdiges mitglied der ehrenhaften armee der erbauer des kommunismus denkt. das volk bewahrt sein andenken nur an jene, die für die gesellschaftlichen interessen gelebt haben und dem allgemeinen wohl ehrlich dienten.
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der park | ich habe lange zeit fünf minuten von einem park entfernt gewohnt, und abends bei einbruch der dunkelheit bin ich immer in diesen park gegangen und habe die worte gerufen: möchtest du den homosexuellen geschlechtsverkehr mit mir ausüben? worauf ein vielstimmiges ja erscholl und ich die freie auswahl hatte. und wenn ich einen tripper hatte bin ich zum arzt gegangen und habe mir eine spritze geben lassen.
| 18| das ist nun alles ganz anders geworden. erstens wohne ich nicht mehr fünf minuten von einem park entfernt, was ja nun die große trauer meines lebens bedeutet, und zweitens, mit den spritzen ist das nicht mehr so einfach. ich habe einen weg in die sauna von einer halben stunde mit dem bus, und dann betrete ich die sauna und erwähle mir jemanden, übe mit ihm den homosexuellen geschlechtsverkehr aus, und wenn ich pech habe gehe ich nicht zum arzt und kriege keine spritze sondern sterbe.
| 19 | niemand weiß, wann er stirbt. entweder bringe ich mich sofort um, weil ich mit dieser ungewißheit nicht leben kann, oder ich lebe mit dieser ungewißheit, um in diesem fall nicht im gegenteil von einer gewißheit zu sprechen. und wenn ich jemandem in der sauna begegne, der partout anfängt über den tod zu reden, dann werde ich leider vollkommen ungeil, dann ist es sofort bei mir vorbei und ich spreche den satz: sehr herzlichen glückwunsch zu ihren erkenntnissen ich darf mich empfehlen auf wiedersehen.
| 20 | ich wünsche jedem, daß er einen park fünf minuten in der nähe hat und also gelassener über seine sexualität entscheiden kann als jemand, der fünfzig kilometer fahren muß und sich vielleicht noch vorwürfe macht hinterher. wenn es mir dreckig gegangen ist, bin ich sowieso nicht hingegangen. dann habe ich mich alleine ins bett gelegt.
| 21 | ich habe mir dieses leben nicht ausgesucht. die erfahrung, daß ich jemanden für zwanzig minuten genießen kann, daß ich zwanzig minuten ein wunderbares erlebnis mit ihm haben kann, das mußte ich mir hart erkämpfen. jetzt ist es so.
| 22 | wer suchet der findet. wer angst vor dem tod hat, wird sterben. wer keine angst hat, wird auch nicht sterben. | 23|

die nachwelt
die nachwelt wirds schon richten
die nachwelt machts schon gut
die nachwelt die macht alles
was sonst keiner gerne tut
die nachwelt wirds schon richten
wir haben ja zum glück
die gute alte nachwelt
unser bestes stück

| 24 | vor den kameras erzählt der sterbende vom sterben. ich habe nichts erreicht im leben, aber immerhin sterbe ich vor einer kamera.
| 25 | der tod ist nur ein identitätsproblem, das ist das langweilige. intressant sind die dinge der welt.

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